DIN 18202 – Messmethoden und Auswertung

Hierzu gibt es mehrere Methoden, die meist von der Zugänglichkeit und der freien Sicht z. B. auf die Fassade abhängen. So ist es hierbei von Bedeutung, ob Netze oder Planen am Gerüst angebracht sind. Falls Ja:

  1. Fällen des Lotes in einem Abstand von z. B. 20 cm zur Fassade (Nachteil: Wind!). Fixieren der Lote durch Verschraubung der Schnüre oben und unten (Vorteil: für alle Beteiligten dauerhaft sichtbar).
    Ermittlung der Hoch- und Tiefpunkte durch Einmessung auf die parallele Ebene. Umrechnung gemäß 3-Punkte-Verfahren durch Abzug der Parallele (z. B. 20 cm)  für die Punkte A, B, S (man erhält Akorr, Bkorr und Skorr) und Mittelung der Werte Akorr und Bkorr (M). Vom Mittelwert M zieht man Skorr ab und man erhält das bereinigte Stichmaß (im Beispiel) von 22 mm.

    Anmerkung:
    Der Verfasser bringt diesen Punkt so genau, weil sich bei der allgemein grassierenden Ignoranz auf deutschen Baustellen ein völlig falsches Verfahren eingenistet hat. Hier werden 2 Punkte z. B. am Lot gemessen und die Differenz aus beiden Maßen soll dann das Stichmaß sein. Dieser  völlige Unsinn, der das Ergebnis extrem verfälscht, verdankt sich offensichtlich der Tatsache, dass keiner (bauherren- und unternehmerseits) mehr in die DIN 18202 schaut. Dort ist das 3-Punkte-Verfahren explizit in Wort und Skizze vorgeschrieben.

    Anhand folgender Tabelle wird der Rechengang verdeutlicht. In der Realität werden die Daten mit Wandbezeichnungen Punkt- und Liniennummern in sich fortschreibende Tabellen eingegeben. Das Ergebnis kommt als Report. Entsprechende Pläne können dann damit gefertigt werden. Beispiele: Titelbilder dieser Site.
    Punkt Maße bezogen auf parallele  Ebene Parallele Korrektur Mittelwert A,B Stichmaß bereinigt
    mm mm mm mm mm
    A 250 -200 50
    S 262 -200 62 40 22
    B 230 -200 30

    Dieser Artikel wird demnächst fortgeführt mit folgender Gliederung:
  2. Messung mit Ingenieurtachymeter (freie Sicht vorhanden)
  3. Messung an bereits gesetzten Putzlehren
    Georg Heckmeier, 27.08.12

Der Waschtisch – Eine wahre Begebenheit

Junge Architekten, die sich sonst durch nichts unterscheiden, neigen neuerdings dazu, sich darüber profilieren zu wollen, besonders preisgünstig zu bauen. Ein Vertreter dieser Zunft wollte unlängst Geld beim Neubau eines größeren Bürohauses sparen. Er hatte offensichtlich ausgerechnet, dass es viel billiger ist, die Waschtische für die Nasszellen als vorgefertigte Fabrikware zu kaufen, als einen Tischler zu beauftragen. Jener war natürlich teurer (so seine Rechnung), weil er eine Einzelfertigung in Gang zu setzen hatte, nachdem er vorher pro WC maß genommen hatte.
Die Waschtische waren jeweils seitlich durch  eine Wand oder einen Pfeiler begrenzt. Die Aufgabe des Weißbinders war es, Putz als Untergrund für Fliesen anzubringen. Damit das Ganze funktionierte, musste der Architekt nur(!) angeben, wie lang und breit so ein Tisch werden sollte und wie dick die Fliesen sein werden. Last, but not least bestünden auch hinsichtlich der Winkligkeit gewisse Ansprüche.

Auch wenn der Kenner schon schmunzelt, hier eine Anmerkung meinerseits zwischendurch: Heutzutage scheint diese Sorte Bauausführung offensichtlich sehr häufig zu sein. Der Alltag am Bau strotzt von Vorfällen dieser Art. Kein Wunder, dass dann kein Bau mehr fertig wird, wie auch der Fortgang dieser Geschichte beweist.

Alles hatte sich der Architekt so schön ausgedacht. Von diesen Anforderungen hatte er vorsorglich um Kosten zu sparen, im LV und bei der Vergabe nicht viel erwähnt. Wer will schon die Pferde scheu machen! Üblicherweise hätte er sich auch sicher sein können, dass das Ganze funktioniert, hätte der Putzerbetrieb nicht zufälligerweise zwecks Aufmaßerstellung mich eingeschaltet. Dass ich mich mit der DIN 18202 etwas auskenne, hat zum Zeitpunkt meiner Beauftragung keinen interessiert.

So kam es, wie es kommen musste: Seitens Verputzer wurden ca. 25 Nachträge geschrieben gemäß folgender Grundlagen :

  1. Genauigkeitssteigernde Maßnahmen  sind gemäß VOB/C, DIN 18350  gesondert zu vergüten. Siehe DIN 18350,3.1.2: Hier sind Abweichungen von vorgeschriebenen Maßen … in den durch DIN 18202 bestimmten Grenzen zulässig. 
  2. Die Abschnitte  4.2.24 und 4.2.25 regeln, dass solche Leistungen extra zu vergüten sind.  Fehlt diese Position im LV, so ist ein Nachtrag zu stellen gemäß VOB/B §2 Nr. 6, wo es  heißt: Wird eine im Vertrag nicht vorgesehene Leistung gefordert, so hat der Auftragnehmer Anspruch auf eine gesonderte Vergütung.
  3. Gemäß Zeile 1, Tabelle 1 der DIN 18202 sind Maße im Grundriss < 3,00 m mit ± 10 mm innerhalb der Toleranz. Bei „lichten Maßen zwischen Stützen, Pfeilern usw.“, was in unserem Fall zutrifft, ist eine Genauigkeit von ± 12 mm bei L < 3,00 m vorgeschrieben. Soll also über diese Toleranzen hinaus die Genauigkeit gesteigert werden, so ist jeder Millimeter an Genauigkeitsgwinn beim Putzer wesentlich schwieriger* = teurer zu realisieren, als zum Beispiel beim Schreiner. So benötigt der Putzer Geld für:
  • Ausmessung der Wände und Überprüfung der Winkligkeit von Wand und begrenzenden Pfeilern
  • Extrem erhöhte Anforderungen beim Setzen von Putzlehren hinsichtlich der Abmaße, Winkligkeit und Ebenheit
  •  Mehrauftrag von Putz, weil wegen Herstellen der Winkligkeit die Abstände von Vorderkante Profil und Wand größer werden. Der Maurer hat nämlich sicherlich nicht  auf Millimeter gearbeitet. Bei größeren Putzstärken  ist ein 2. Spritzgang notwendig. Hier kommen  also auch erheblich längere Trocknungszeiten in Betracht (Bauzeitverlängerung!)
  • Nacharbeit und weitere Spachtelgänge, weil trotz aller Sorgfalt beim Putz nicht auf mm gearbeitet werden kann. Hier auch weitere zusätzliche Trocknungszeiten!

Die Nachträge wurden geschrieben, zäh ringend verhandelt und  2 Monate später auch beauftragt. Während dieser Zeit der Schwebe sind zwar die Putzarbeiten im allgemeinen weitergegangen, das Verputzen der Nassräume wurde aber wegen der Unsicherheit zurückgelassen. Jetzt (nach Beauftragung) kamen auch noch zusätzliche Kosten für das Umsetzen der Putzmaschine nebst Umbau von Wasser- und Materialzuführung dazu. Hinsichtlich Fertigstellungstermin fehlen natürlich wieder einige Wochen.Weitere zusätzliche Kosten und weitere Wartezeiten entstanden dadurch, dass, weil man bauseits den “Mangel” des “ungenauen Putzes” erst nach einiger Zeit bemerkt hatte, Putz aufwendig abgeschlagen und entsorgt werden musste. Dadurch waren dann an diesen Stellen dann umfangreiche nachträgliche Beiputz- und Beispachtelarbeiten notwendig.

Fazit:
Diese ganze Huberei (erhebliche Mehrkosten und  Bauzeitenverlängerung) kostet ein zig-faches von dem, was man ursprünglich einsparen wollte.

Wie hätte das ein Baumeister alter Schule gelöst? Er hätte Unter- und Hängeschränke fester Breite ausgeschrieben (aber um einen Sicherheitsstreifen von je 5 cm pro Seite kleiner) und eine vor Ort zu erfolgende Anpassung durch Futterhölzer. Die Waschtischplatte wäre dementsprechend um 10 cm länger bestellt und vor Ort dann auch angepasst worden

*) Weil  Nassputz freihändig aufgetragen, abgezogen, gefilzt oder geglättet wird, kann man  vom Putzer keine Genauigkeiten verlangen, die z. B  beim Schreiner oder Stahlbauer relativ einfach zu erzielen sind. Auch das Setzen von Schienen und Lehren erfolgt dadurch, dass man die Schiene oder Lehre in ausreichend viele Mörtelbatzen drückt. Man kann zwar schnell noch die Wasserwaage hinhalten, aber ein späteres Nachjustieren ist nicht möglich, ohne dass sich die Schiene wieder löst.
Nebenbei:
Das Gewicht der Schienen bewirkt bei waagrechten Ausführungen, dass sich die Schiene während des Abbindens des Ansetzmörtels absenkt. Dies ein Einwand gegen diejenigen, die sich das nachträglich Einputzen des Sockelstreifens sparen wollen. (Aber das ist eine andere Geschichte)

Georg Heckmeier, 18.08.12

 

DIN 18202 im Alltag – Ebenheit und Winkligkeit

Was ist zu tun?

  1. Nachweis, dass das Vorgewerk die Toleranzen der DIN 18202 überschritten hat (Zum Beispiel DIN 18202, Tabelle 3* (Ebenheit) Zeile 5 für das Rohbaugewerk. Zur Untersuchung des Resultates der Vorgewerke ist die ausführende Firma gemäß VOB Teil C (z.B. DIN 18350, Punkt 3.1 ff ) verpflichtet.
  2. Nachweis, inwieweit, wo und in welchem Ausmaß die Toleranzen überschritten worden sind.
  3. Berechnung des Mehraufwandes, der zusätzlichen Kosten der Ausgleichsmaßnahmen usw. vor Beginn der Ausführung. Zumindest als Kostenanmeldung nach VOB/B § 2, Nummer 6.

Wie wird es gemacht?

Die DIN 18202 und einschlägige Kommentarwerke schreiben bei der Ermittlung der Abweichung die Wahl der Messpunkte vor:

  1. Tabelle 2* (Winkligkeit) Messpunkte im Abstand von 10 cm von den Wandenden
  2. Tabelle 3* (Ebenheit) Auswahl der Punkte gemäß Kriterium für Klein- oder Großflächenüberprüfung. Anwendung der 3-Punkte-Regel (Punkte A, B und S in der Skizze)

Es empfiehlt sich, bei Überschreitung der Toleranzen, den Grad der Überschreitung in Prozent anzugeben.

Beispiel: Zeile 5, Messpunktabstand = 2,5 m, Stichmaß = 22 mm, Sollabweichung (erlaubte Toleranz) = 13 mm, Soll – Ist = 9 mm, Überschreitung = 9/0,13 = 69 % (**)

Auswertung

Insbesondere bei größeren Teilen (z. B. an Fassaden) ist das Ganze zeichnerisch (z. B. im Ansichtsplan M= 1:50) darzustellen. Hierbei sollten die Hoch- und Tiefpunkte zeichnerisch hervorgehoben werden.

Anschließend ist auf gesonderter Darstellung die Gesamtputz- (oder ausgleichs-) stärke zu ermitteln.

Dies geschieht als Durchschnittsbildung aller Werte pro Wandscheibe / Fassadenstück. Um die Durchnschnittsbildung korrekt zu bekommen, ist es notwendig, die Messpunkte einigermaßen gleichmäßig auf die Fläche zu verteilen. - Nicht also nur dort messen, wo die Wand besonders krumm ist, sondern auch dort, wo sie o.k. ist. Der Durchschnitt stimmt dann.
Stellt sich insbesondere bei Fassaden heraus, dass die Ebenheit nur an einigen Bereichen überschritten ist, so sind lokale Flächen für den Mehrputz zu ermitteln. Erfahrungsgemäß kommt man aber auf das gleiche Ergebnis. Abgerechnet und vergütet werden üblicherweise Schichten von 5 mm.

Beispiel:
Gesamtputzstärke (ermittelt aus dem Durchschnitt aller Messpunkte pro Wandscheibe) = 17,9 mm Sollputzstärke gemäß DIN 18550 für einlagigen Maschinengipsputz (wenn vertraglich nichts anderes vereinbart) 10 mm. Mehrputz = 7,9 mm = Zwei Schichten zu je 5 mm.

Bei großen Auftragsstärken sind weitere Zulagen notwendig, für das Umsetzen der Maschine und wegen zusätzlicher Warte- und Trocknungszeiten (weiterer Spritzgang). In manchen Fällen – hauptsächlich bei unregelmäßiger Auftragsstärke – ist das Aufbringen von Putzlehren zwingend erforderlich.

Die Differenz der Zeilen 5 und 6 (Rohbau und Putz) ist vom Mehrputz nicht abzuziehen. Keinesfalls bedingt dieser Unterschied eine Verringerrung des Mehrputzes, wie pfiffige Leute vielleicht meinen: Hierzu ein Zitat aus Kommentar zur DIN 18350 und DIN 18299, Rainer Franz, Karlheinz Goll, Eugen Schwarz, 10. Auflage, Seite 129:

“Weicht die zu verputzende Fläche von den in der Tabelle 3.4 Zeile 5 aufgeführten Toleranzen ab, entstehen dem Unternehmer Mehraufwendungen, damit er die ihm vorgeschriebenen Ebenheitstolerenzen in Zeile 6 oder, wenn ausdrücklich ausgeschrieben, in Zeile 7 einhalten kann. … … Dabei ist klargelegt, dass die ermittelte Mehrputzdicke nicht um die Differenz der Maße in Zeile 5 und Zeile 6 oder 7 verringert werden kann”.
(Auslassung unwesentlich, Hervorhebung von Georg Heckmeier)

Georg Heckmeier, 18.08.12